Wissen › Lagekarte Stromausfall
🔌 Lagekarte an BeispielenStromausfall: die Lage ohne Schadenstelle
Ein flächiger Stromausfall bricht mit allem, was eine Lagekarte sonst ausmacht. Es gibt keinen Schadenort, keine Ausbreitungsrichtung und keine Kräfte, die auf ein Ziel vorgehen. Trotzdem ist die Karte hier nicht weniger wichtig, sondern wichtiger — nur führt man sie anders.
Was diesen Lagetyp besonders macht
Bei einem Brand, einem Verkehrsunfall oder einer Gefahrstofflage gibt es einen Punkt, an dem etwas passiert ist. Die Karte ordnet sich um diesen Punkt. Beim Stromausfall fehlt er.
Betroffen ist eine Fläche, und zwar überall gleichzeitig und gleich stark. Das Ereignis selbst — der ausgefallene Netzabschnitt — ist nicht Sache der Gefahrenabwehr, sondern des Netzbetreibers. Was die Einsatzleitung führt, sind die Folgen: ausgefallene Einrichtungen, hilflose Personen, unterbrochene Kommunikation.
Daraus folgt eine ungewohnte Kartenlogik. Eingetragen wird nicht, wo der Schaden ist, sondern wo Einrichtungen stehen, die den Ausfall nicht aushalten — und wie lange sie ihn noch aushalten.
Kritische Infrastruktur ist der Kern der Karte
Die zentrale Frage lautet: Welche Einrichtungen im eigenen Gebiet fallen aus, wenn der Strom über Stunden wegbleibt, und in welcher Reihenfolge werden sie kritisch?
Nach 15 Minuten. Ampelanlagen aus, Aufzüge stehen, Tankstellen ohne Funktion. Erste Meldungen über eingeschlossene Personen in Aufzügen.
Nach 1 Stunde. Mobilfunkzellen fallen aus, sobald ihre Pufferbatterien leer sind. Die Erreichbarkeit über Handy endet — für Einsatzkräfte wie für die Bevölkerung.
Nach 4 bis 8 Stunden. Notstromaggregate in Kliniken und Pflegeheimen laufen, aber ihr Kraftstoffvorrat ist begrenzt. Die Nachversorgung wird zur Führungsaufgabe. Wasserversorgung und Abwasserpumpwerke werden kritisch.
Nach 24 Stunden. Heimbeatmete und dialysepflichtige Menschen in häuslicher Versorgung sind akut gefährdet. Lebensmittelkühlung fällt aus. Die Lage wird von einer technischen zu einer Betreuungslage.
Diese Zeitachse ist die eigentliche Planungsgrundlage. Auf der Karte werden die Einrichtungen deshalb nicht nur eingetragen, sondern mit ihrer verbleibenden Autarkiezeit beschriftet. Ein Pflegeheim mit Notstrom für sechs Stunden ist eine andere Lage als eines ohne Notstrom.
Anlaufstellen: die Karte für die Bevölkerung
Sobald die Kommunikationswege ausfallen, kann niemand mehr den Notruf wählen. Die übliche Antwort darauf sind Anlaufstellen — besetzte, erkennbare Orte, an denen Menschen Hilfe holen und Notfälle melden können. Feuerwehrhäuser, Rathäuser und Schulen erfüllen diese Rolle.
Auf der Lagekarte sind sie die wichtigste Eintragung überhaupt, und sie brauchen vier Angaben: Ort, Besetzung, Erreichbarkeit und seit wann sie offen ist. Die letzte Angabe wird gern vergessen und ist entscheidend, weil sich daraus ergibt, wann abgelöst werden muss.
Die Besonderheit: Diese Orte müssen auch der Bevölkerung bekannt sein, nicht nur der Einsatzleitung. In vielen Kommunen gibt es dafür vorbereitete Festlegungen, die im Ereignisfall nur noch aktiviert werden. Wo es sie nicht gibt, entsteht die Karte in den ersten Stunden — und das kostet genau die Zeit, in der sie gebraucht wird.
Warum diese Karte auf Papier entsteht
Hier schließt sich ein Kreis, der bei keinem anderen Lagetyp so eng ist: Eine digitale Lageführung braucht Strom, Netz und geladene Geräte. Genau das ist die Ressource, die gerade fehlt.
Für den flächigen Stromausfall gilt deshalb, was sonst nur als Rückfallebene mitgedacht wird: Die Karte entsteht auf Papier, über einer gedruckten Grundkarte, mit Folie und Stift. Alles andere ist eine Annahme über die eigene Technik, die sich in dieser Lage nicht halten lässt.
Zwei praktische Punkte ergeben sich daraus. Erstens muss die gedruckte Grundkarte vorher vorhanden sein — sie lässt sich nicht mehr ausdrucken, wenn der Drucker keinen Strom hat. Zweitens braucht der Raum, in dem die Karte geführt wird, eine eigene Beleuchtung und Heizung. Eine Führungsstelle, die im Dunkeln sitzt, führt nicht lange.
Auch die Kommunikation fällt zurück. Wo Mobilfunk und teilweise auch Digitalfunk-Basisstationen ausfallen, bleiben Melder — Kräfte, die Meldungen physisch überbringen. Auf der Karte gehören die Meldewege dann eingetragen wie jede andere Verbindung, weil sie Zeit kosten und Kräfte binden.
Wie sich die Abschnittsbildung ändert
Bei einer Einsatzstelle werden Abschnitte nach Raum oder Aufgabe gebildet. Bei einem Stromausfall entsteht eine dritte Möglichkeit, die sonst keine Rolle spielt: die Bildung nach Objekten.
Ein Abschnitt kann dann ein einzelnes Pflegeheim sein, ein anderer das Klinikum, ein dritter die Anlaufstellen in einem Ortsteil. Der Grund ist, dass zwischen diesen Objekten kilometerweit nichts passiert — eine räumliche Aufteilung würde Abschnitte erzeugen, in denen es nichts zu führen gibt.
Die Karte zeigt in diesem Fall keine zusammenhängende Einsatzstelle, sondern verstreute Punkte mit jeweils eigener Zuständigkeit. Das ist ungewohnt und sollte auf der Karte ausdrücklich erkennbar sein, damit niemand die leeren Flächen dazwischen für unbearbeitet hält.
Was diese Karte beantworten muss
Am Ende zählt dieselbe Prüfung wie bei jeder Lagekarte — nur mit anderen Fragen.
- Welche Einrichtungen sind wie lange autark? Daraus ergibt sich die Reihenfolge der Nachversorgung.
- Wo kann die Bevölkerung Hilfe holen? Und ist das dort bekannt?
- Welche Kräfte sind noch erreichbar, und auf welchem Weg?
- Wie lange halten die eigenen Kräfte durch? Verpflegung und Ablösung sind hier keine Nebensache, sondern die Lage selbst.
- Was sagt der Netzbetreiber zur Dauer? Die Prognose bestimmt, ob für Stunden oder für Tage geplant wird.
Die letzte Frage ist die, die alles andere verschiebt. Ein Ausfall von zwei Stunden wird abgewartet. Einer von zwei Tagen ist eine Katastrophenlage mit Betreuung, Notstromversorgung und Versorgung der eigenen Kräfte. Auf der Karte gehört die Prognose deshalb prominent vermerkt, mit Uhrzeit und Quelle.
Quellen und weiterführende Informationen
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK): Stromausfall — Vorsorge und Selbsthilfe, bbk.bund.de
- Feuerwehr-Dienstvorschrift 100: Führung und Leitung im Einsatz
- BBK: Schutz Kritischer Infrastrukturen — Risikomanagement im Bevölkerungsschutz