Wissen › Lagekarte Verkehrsunfall
🚗 SzenarioTaktische Zeichen für einen Verkehrsunfall
Am Verkehrsunfall lässt sich gut zeigen, wie eine Lagekarte entsteht, wenn mehrere Organisationen gleichzeitig arbeiten. Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei haben unterschiedliche Aufträge am selben Ort, und die Karte macht diese Aufteilung sichtbar.
Die Lage: Auf einer Landstraße ist ein PKW von der Fahrbahn abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Eine Person ist eingeklemmt, aus dem Fahrzeug laufen Betriebsstoffe aus. Alarmiert sind ein HLF, ein RTW, ein NEF und die Polizei.
Die Zeichen im Überblick

Etwas abseits der Straße, hier laufen die Fäden zusammen. Die Einsatzleitung stimmt Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei aufeinander ab.

Das verunfallte Fahrzeug selbst. Es markiert den Kern der Einsatzstelle, auf den sich alle anderen Zeichen beziehen.

Die eingeklemmte, verletzte Person im Fahrzeug. Sie ist das Ziel der Rettung und bestimmt die Dringlichkeit des gesamten Einsatzes.

Am Fahrzeug tritt Kraftstoff aus. Das Gefahrenzeichen warnt vor Brand- und Rutschgefahr und begründet den Brandschutz mit einem Schnellangriff.

Das Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug sichert gegen Brand und befreit die eingeklemmte Person mit hydraulischem Rettungsgerät.

Der Rettungswagen übernimmt Versorgung und Transport. Seine Position ist so gewählt, dass die Abfahrt frei bleibt.

Das Notarzteinsatzfahrzeug bringt die Notärztin oder den Notarzt zur Einsatzstelle.

Die Polizei sichert die Unfallstelle ab, regelt den Verkehr und nimmt den Unfall auf.
Die Aufgabenteilung, die man auf der Karte sieht
Der Verkehrsunfall ist der häufigste Einsatz, bei dem drei Organisationen gleichzeitig an einem sehr kleinen Ort arbeiten. Jede hat einen eigenen Auftrag, und Reibung entsteht meist dort, wo die Aufträge sich räumlich überlagern.
- Die Feuerwehr stellt den Brandschutz sicher, stabilisiert das Fahrzeug und befreit die eingeklemmte Person. Sie braucht Platz rund um das Fahrzeug für Gerät und abgetrennte Teile.
- Der Rettungsdienst versorgt die Patientin oder den Patienten, oft schon während der technischen Rettung. Er braucht eine freie Zufahrt und eine freie Abfahrt.
- Die Polizei sperrt ab, leitet den Verkehr um und nimmt den Unfall auf. Sie arbeitet auf der Zufahrtsseite und weiter außen.
Wenn diese drei Bereiche auf der Karte stehen, wird sofort sichtbar, ob eine Aufstellung funktioniert. Ein RTW, der zwischen HLF und Unfallfahrzeug steht, blockiert die technische Rettung. Auf der Karte fällt das auf, in der Hektik vor Ort oft erst zu spät.
Der Gefahrenbereich
Bei einem Verkehrsunfall mit auslaufenden Betriebsstoffen ist der Gefahrenbereich klein, aber real. Kraftstoff auf der Fahrbahn bedeutet Brandgefahr und eine erhebliche Rutschgefahr für alle Kräfte, die dort arbeiten. Auf der Lagekarte begründet das Gefahrenzeichen zwei Entscheidungen, die sonst willkürlich wirken würden. Erstens den Schnellangriff, der zum Brandschutz bereitgehalten wird. Zweitens die Bindemittelgabe, die nach der Rettung folgt.
Bei einem Unfall mit einem LKW und Gefahrguttafel sähe die Karte anders aus. Dann käme ein Absperrbereich hinzu, der Wind bekäme eine Richtung eingetragen, und die Fahrzeuge stünden deutlich weiter entfernt. Wie diese Zeichen aussehen, steht im Beitrag Gefahren und Schadensarten.
Die Fahrzeugaufstellung als Teil des Lagebilds
Bei kaum einem anderen Einsatz sagt die Position der Fahrzeuge so viel aus wie beim Verkehrsunfall. Sie ist keine Nebensache, sondern Teil der Sicherheit — und deshalb der wichtigste Teil dieser Lagekarte.
Das erste eintreffende Löschfahrzeug stellt sich vor die Unfallstelle, versetzt zur Fahrbahnmitte, und bildet damit einen Schutzschild gegen den fließenden Verkehr. Alles, was danach kommt, arbeitet im Windschatten dieses Fahrzeugs. Auf der Karte ist diese Aufstellung an der schrägen Position erkennbar, und sie ist der Grund, warum das HLF nicht dort steht, wo es für die Geräteentnahme am bequemsten wäre.
Der Rettungsdienst steht hinter der Einsatzstelle in Fahrtrichtung, mit freier Abfahrt. Ein RTW, der einparken muss, um wieder wegzukommen, kostet im Transportfall Minuten. Auf einer Autobahn kommt hinzu, dass die Abfahrt zur nächsten Anschlussstelle geplant sein muss, bevor der Patient im Fahrzeug liegt.
Die Absicherung nach hinten übernimmt die Polizei oder, bis sie eintrifft, ein weiteres Fahrzeug. Der Abstand richtet sich nach der zulässigen Geschwindigkeit — als Anhalt gilt die Zahl der Geschwindigkeit in Metern, bei 100 km/h also rund 100 Meter, auf Autobahnen deutlich mehr. Dieser Abstand ist auf einer maßstäblichen Karte oft die größte Ausdehnung der ganzen Einsatzstelle, und genau das macht ihn sichtbar.
Ein vierter Bereich wird regelmäßig vergessen: die Geräteablage. Rettungsschere, Spreizer, Stabilisierungsmaterial und abgetrennte Fahrzeugteile brauchen Platz, und zwar an einer definierten Stelle. Ohne sie liegt das Gerät im Arbeitsbereich, und jemand stolpert darüber.
Wenn ein LKW mit Gefahrgut beteiligt ist
Sobald an einem der beteiligten Fahrzeuge eine orangefarbene Warntafel hängt, wird aus dem Verkehrsunfall eine andere Lage — und die Lagekarte ändert ihren Charakter vollständig.
Der erste Unterschied ist der Abstand. Die Erstmaßnahme lautet Rückzug und Absperrung, nicht Annäherung. Als Anhalt für den Gefahrenbereich gelten 50 Meter, bei erkennbarem Austritt oder Gasen deutlich mehr. Auf der Karte entsteht damit ein Kreis, in dem sich zunächst niemand aufhält — auch nicht die Einsatzfahrzeuge, die in der ersten Minute vielleicht schon zu nah standen und zurückgesetzt werden müssen.
Der zweite Unterschied ist die Windrichtung. Sie wird auf der Karte eingetragen und bestimmt, wo Bereitstellungsraum, Dekon-Platz und Verletztenablage liegen: im Luv, also auf der dem Wind zugewandten Seite. Dreht der Wind, muss die gesamte Anordnung nachgeführt werden.
Der dritte Unterschied ist die Zeit. Die Nummern auf der Warntafel werden an die Leitstelle gemeldet, die daraus den Stoff und die erforderlichen Maßnahmen ermittelt. Bis dieses Ergebnis vorliegt, gilt der größtmögliche Abstand. Auf der Karte steht in dieser Phase das Zeichen für die vermutete Gefahr — nicht, weil man nichts weiß, sondern weil man noch nicht genug weiß, um sich festzulegen.
Welche Zeichen dazugehören und wie der Gefahrenbereich abgegrenzt wird, steht im Beitrag Gefahren und Schadensarten auf der Lagekarte.
Lohnt sich bei so einem Einsatz überhaupt eine Karte?
Bei einem Standardunfall mit vier Fahrzeugen zeichnet in der Praxis niemand eine Lagekarte, und das ist auch richtig so. Der Einsatz ist überschaubar, dauert eine Stunde, und die Führungskraft hat alles im Blick.
Sinnvoll wird die Karte in drei Fällen. Bei mehreren beteiligten Fahrzeugen und Patienten, weil dann die Zuordnung schwierig wird. Bei langer Einsatzdauer mit Ablösung. Und in der Ausbildung, weil sich am kleinen Beispiel gut lernen lässt, was bei der großen Lage zählt. Genau deshalb steht dieses Szenario hier.