Wissen › Lagekarte Gefahrgut
☣️ Lagekarte an BeispielenDer Gefahrgutunfall auf der Lagekarte
Von allen Lagetypen stellt der Gefahrgutunfall die höchsten Anforderungen an die Karte. Nicht weil die Zeichen schwieriger wären, sondern weil ihre Anordnung zueinander über die Sicherheit der eingesetzten Kräfte entscheidet. Ein falsch gesetztes Zeichen verschiebt hier eine Grenze, an die sich Menschen halten.
Die Lage
14:52 Uhr. Auf einem Betriebsgelände ist beim Umfüllen ein Tankcontainer beschädigt worden. Eine Flüssigkeit läuft aus, es bildet sich eine Dampfwolke. Die orangefarbene Warntafel ist von der Anfahrt aus nicht lesbar. Zwei Mitarbeiter haben sich selbst in Sicherheit gebracht, ein dritter wird vermisst.
Erste Karteneintragung. Das Zeichen für die vermutete Gefahr an der Austrittsstelle, ein Kreis mit rund 50 Metern als vorläufiger Gefahrenbereich, die Windrichtung als Pfeil und die vermisste Person mit Fragezeichen. Mehr weiß in dieser Minute niemand, und mehr gehört auch nicht auf die Karte.
15:04 Uhr. Der Betriebsleiter nennt den Stoff und die UN-Nummer. Aus der vermuteten Gefahr wird eine chemische Gefahr. Der Gefahrenbereich wird anhand der Stoffdaten angepasst — in diesem Fall vergrößert, weil die Dämpfe schwerer als Luft sind und sich am Boden ausbreiten.
15:20 Uhr. Der Dekon-Platz steht. Erst jetzt geht der erste Trupp unter Chemikalienschutzanzug vor. Die Reihenfolge ist keine Formalie: Ohne geregelten Rückweg gibt es keinen Auftrag in den Gefahrenbereich.
Die drei Bereiche sind das Gerüst
Jede Gefahrstofflage wird räumlich in drei Zonen geteilt, und diese Einteilung ist die eigentliche Lagekarte. Alles andere ordnet sich ihr unter.
- Der Gefahrenbereich. Hier wird ausschließlich unter Schutz gearbeitet, mit der kleinstmöglichen Zahl von Kräften und mit festgelegter Aufenthaltsdauer. Auf der Karte ist er eine geschlossene Fläche, keine Linie und kein Punkt.
- Der Absperrbereich. Er umschließt den Gefahrenbereich und hält Unbeteiligte fern. Hier stehen Dekon-Platz, Bereitstellung und die Führungsstelle. Arbeiten ohne Schutz ist möglich, aber der Bereich ist gesperrt.
- Der freie Bereich. Alles dahinter. Hier liegen Verletztenablage, Betreuung und die Zufahrten für nachrückende Kräfte.
Der Anhalt für den ersten Kreis lautet 50 Meter im Umkreis, bei größeren Mengen oder erkennbarer Ausbreitung deutlich mehr. Diese Zahl ist eine Faustregel für die Zeit, in der noch nichts gemessen wurde — sie steht also für eine Annahme und sollte auf der Karte auch so erkennbar sein, üblicherweise gestrichelt.
Die Windrichtung ordnet alles an
Bei keinem anderen Lagetyp bestimmt eine einzige Umweltbedingung so stark, wie die Karte aussieht. Dekon-Platz, Bereitstellungsraum, Verletztenablage und Führungsstelle liegen im Luv — auf der dem Wind zugewandten Seite, also dort, wohin die Wolke nicht zieht.
Die Windrichtung gehört deshalb als eigenes Zeichen auf die Karte, mit Uhrzeit. Und sie gehört überwacht: Dreht der Wind, verschiebt sich die gesamte Anordnung. Das ist einer der wenigen Fälle, in denen auf einer Lagekarte mehrere Zeichen gleichzeitig umgesetzt werden müssen — und einer der wenigen, in denen eine Karte binnen Minuten unbrauchbar werden kann.
In der Praxis wird bei längeren Lagen deshalb jemand ausdrücklich damit beauftragt, die Windentwicklung zu beobachten und Änderungen zu melden. Die Wettervorhersage für die kommenden Stunden gehört dabei zur Lagebeurteilung, nicht zur Neugier.
Warum der Dekon-Platz die Grenze definiert
Die Dekontaminationsstelle hat auf der Karte eine Sonderstellung: Sie markiert den einzigen zulässigen Rückweg aus dem Gefahrenbereich. Damit legt ihre Position praktisch fest, wo die Grenze zwischen kontaminiert und sauber verläuft.
Zwei Konsequenzen folgen daraus. Erstens gilt alles, was sich hinter dem Dekon-Platz befindet, als sauber — und darauf verlassen sich Kräfte, die dort ohne Schutz arbeiten. Zweitens muss der Dekon-Platz eingetragen sein, bevor der erste Trupp vorgeht. Steht er noch nicht auf der Karte, ist der Rückweg nicht geklärt.
Für Einsatzkräfte und für Betroffene werden getrennte Dekon-Linien betrieben. Die Dekontamination von Verletzten dauert länger, braucht mehr Personal und verlangt ärztliche Begleitung. Wer beides in einem Zeichen zusammenfasst, unterschätzt den Kräftebedarf regelmäßig um ein Vielfaches.




Messen ist eine Karteneintragung, kein Nebenschauplatz
Die Messstellen gehören mit ihrer Position und ihrem Ergebnis auf die Karte, und beides zusammen ergibt erst eine Aussage. Ein Messwert ohne Ort sagt nicht, wo er gilt. Ein Ort ohne Wert sagt nur, dass dort jemand war.
Dazu kommt die Zeit. Bei einer ziehenden Wolke beschreibt ein Messwert von vor zwanzig Minuten eine andere Lage als der von jetzt. Auf einer ordentlich geführten Gefahrgutkarte trägt deshalb jeder Messpunkt drei Angaben: Ort, Wert und Uhrzeit.
Aus mehreren Messpunkten entsteht die eigentliche Erkenntnis — die Ausdehnung. Erst wenn an mehreren Stellen gemessen wurde, lässt sich die Grenze des Gefahrenbereichs begründen statt geschätzt. Bis dahin bleibt der Kreis eine Annahme, und genau deshalb wird er gestrichelt gezeichnet.
Was diese Karte einer ablösenden Führungskraft sagt
Der Test ist derselbe wie bei jeder Lagekarte: Was liest jemand ab, der sie zum ersten Mal sieht?
Bei einer gut geführten Gefahrgutkarte sind das fünf Dinge in wenigen Sekunden: welcher Stoff beteiligt ist und seit wann er bekannt ist, wo die Grenzen der drei Bereiche verlaufen und worauf sie beruhen, wo der Rückweg über den Dekon-Platz liegt, welche Trupps mit welcher Restzeit im Gefahrenbereich sind, und aus welcher Richtung der Wind kommt.
Der vierte Punkt ist der, der auf Papierkarten am häufigsten fehlt. Ein Trupp unter Chemikalienschutzanzug hat eine begrenzte Einsatzzeit, und die Überwachung dieser Zeit ist eine eigene Aufgabe. Wo sie nicht auf der Karte steht, muss die ablösende Führungskraft danach fragen — und in genau diesem Moment ist die Frage dringend.
Was bewusst nicht auf die Karte gehört
Die vollständigen Stoffdaten. UN-Nummer, Gefahrnummer und die Angaben aus dem Nachschlagewerk gehören ins Einsatztagebuch und auf ein eigenes Blatt an der Führungsstelle, nicht in die Kartenskizze. Eine Karte, die mit Zahlen überfrachtet ist, verliert genau die Übersicht, wegen der sie geführt wird.
Auf der Karte steht die Folge der Stoffdaten: die Größe des Bereichs, die Schutzstufe, die erforderliche Dekontamination. Das sind die Informationen, nach denen gehandelt wird.
Quellen und weiterführende Informationen
- Feuerwehr-Dienstvorschrift 500: Einheiten im ABC-Einsatz
- Feuerwehr-Dienstvorschrift 100: Führung und Leitung im Einsatz
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK): Taktische Zeichen im Bevölkerungsschutz, bbk.bund.de