Wissen › Gefahren
⚠️ GefahrenGefahren und Schadensarten
Eine Lagekarte, auf der nur Kräfte eingetragen sind, zeigt nur die halbe Wahrheit. Erst die Gefahren- und Schadenszeichen machen sichtbar, warum die Kräfte überhaupt dort stehen und worauf jeder achten muss, der sich der Einsatzstelle nähert.
Gefahrenzeichen warnen das Führungsteam und alle Kräfte vor Ort. Wird eine Gefahr eingetragen, ist auf einen Blick klar, welcher Bereich besondere Aufmerksamkeit braucht. Das beeinflusst Absperrgrenzen, Schutzausrüstung und die Frage, welche Einheit überhaupt in einen Bereich hineindarf.
Der Unterschied zwischen Gefahr und Schaden
Diese beiden Begriffe werden im Alltag oft vermischt, auf der Lagekarte haben sie unterschiedliche Zeichen und unterschiedliche Bedeutung.
Eine Gefahr ist etwas, das eintreten kann. Ein Tankwagen, der umgekippt ist, aber noch dicht hält, bedeutet Explosionsgefahr. Passiert ist noch nichts. Ein Schaden ist etwas, das bereits eingetreten ist. Läuft aus demselben Tankwagen Kraftstoff aus, wird daraus ein Schadenszeichen für Chemieaustritt.
Für die Führung ist das eine wichtige Unterscheidung. Gefahren bestimmen, welche Vorsorge nötig ist. Schäden bestimmen, welche Maßnahmen sofort anlaufen müssen. Wer beides mit demselben Symbol einträgt, verliert diese Information.
Gefahrenzeichen
Es gibt ein allgemeines Gefahrenzeichen und darauf aufbauend genauere Zeichen für einzelne Gefahrenarten. Wenn zu Einsatzbeginn noch unklar ist, womit man es zu tun hat, wird zunächst das allgemeine Zeichen gesetzt und später verfeinert.
Drei Zeichen bilden das Gerüst, und der Unterschied zwischen ihnen ist der Kenntnisstand, nicht die Art der Gefahr. Die vermutete Gefahr steht für eine Meldung, die noch niemand bestätigt hat. Die Gefahr allgemein steht für eine erkannte, aber noch nicht näher bestimmte Bedrohung. Die akute Gefahr steht für eine unmittelbar wirkende Bedrohung, bei der sofort gehandelt werden muss.
Diese Staffelung ist auf der Karte wertvoller, als sie klingt. Sie erlaubt es, etwas einzutragen, ohne sich festzulegen. Wer um 14:10 Uhr einen verdächtigen Geruch gemeldet bekommt, trägt eine vermutete Gefahr ein. Kommt um 14:35 Uhr das Messergebnis, wird daraus eine chemische Gefahr. Der Verlauf bleibt damit nachvollziehbar, und niemand muss so tun, als hätte er von Anfang an Bescheid gewusst.
Die spezifischen Zeichen benennen die Art: chemisch, atomar, biologisch, Elektrizität, Mineralöl, Explosion. Sie werden erst gesetzt, wenn die Art feststeht. Für alles, was der Satz nicht abdeckt, dient das allgemeine Gefahrenzeichen mit Beschriftung — Windbruch, Absturzgefahr, aggressive Tiere.
Ein Punkt, der in der Ausbildung oft zu kurz kommt: Ein Gefahrenzeichen bezeichnet einen Bereich, nicht einen Punkt. Wer es mittig auf eine Halle setzt, meint die ganze Halle. Reicht der Gefahrenbereich weiter, gehört eine Absperrgrenze dazu, sonst entsteht der Eindruck einer punktförmigen Gefahr, die es so nicht gibt.
Eine Besonderheit ist das Zeichen für die vermutete Gefahr. Es wird verwendet, wenn ein Verdacht besteht, der noch nicht bestätigt ist, etwa nach einer Meldung über austretendes Gas ohne Messergebnis. Damit lässt sich Unsicherheit auf der Karte sauber abbilden, statt sie entweder zu verschweigen oder als Tatsache darzustellen.
Die ABC-Gefahren
Für atomare, biologische und chemische Gefahren gibt es eigene Zeichen. Sie werden gesetzt, sobald ein entsprechender Stoff im Spiel ist oder auch nur vermutet wird. Das ist einer der Fälle, in denen ein Zeichen unmittelbar Konsequenzen hat, weil daraus Schutzstufe, Absperrradius und Dekontaminationsbedarf folgen.
Für die Lagekarte hat diese Gruppe eine Besonderheit: Die Zeichen stehen nie allein. Zu einer ABC-Gefahr gehören immer drei weitere Elemente — die Absperrgrenze, die Messstellen und der Dekon-Platz. Fehlt eines davon, ist die Karte unvollständig, auch wenn die Gefahr korrekt eingetragen ist.
Der erste Anhalt für den Gefahrenbereich ist eine Faustregel, keine Messung: 50 Meter im Umkreis, bei größeren Mengen oder Ausbreitung deutlich mehr. Dieser Kreis wird eingezeichnet, bevor die erste Messung vorliegt, und danach anhand der Messwerte angepasst. Auf der Karte ist er damit anfangs eine Annahme — was durch die Darstellung erkennbar bleiben sollte.
Der Blindgänger ist ein Sonderfall, der in Deutschland regelmäßig vorkommt. Hier gilt kein Kreis nach Faustregel, sondern ein vom Kampfmittelräumdienst festgelegter Radius, der je nach Munitionsart und Bebauung mehrere hundert Meter betragen kann. Auf der Karte wird er zur Evakuierungsgrenze, an der die gesamte Einsatzplanung hängt.
Der Brandverlauf in vier Stufen
Für Brände gibt es eine abgestufte Reihe von Zeichen. Sie ist eines der nützlichsten Werkzeuge auf der Lagekarte, weil sie den Verlauf über die Zeit sichtbar macht. Trägt man alle zwanzig Minuten den aktuellen Stand nach, sieht man an der Abfolge sofort, ob der Einsatz Wirkung zeigt.

Der Brand ist örtlich begrenzt und mit einfachen Mitteln zu bekämpfen. Ein Rohr genügt in der Regel.

Der Brand hat sich über den Entstehungsbereich hinaus ausgebreitet. Mehrere Rohre und meist Atemschutz sind nötig.

Das gesamte Objekt brennt. Der Innenangriff ist meist nicht mehr möglich, im Vordergrund steht das Verhindern der Ausbreitung.

Ein Brand, der sich über eine Fläche ausbreitet, etwa Wald, Feld oder Moor. Hier zählen Ausbreitungsrichtung und Wind mehr als das einzelne Objekt. Wie eine solche Lage geführt wird, steht im Beitrag Vegetations- und Waldbrand.
Eingetretene Schäden
Neben dem Brand lassen sich weitere eingetretene Schäden darstellen. Sie sagen der Führung, was an der Einsatzstelle bereits passiert ist und was deshalb nicht mehr verhindert, sondern nur noch beherrscht werden kann. Bei Lagen mit baulichen Schäden und bei Unwetter beschreiben sie außerdem den Zustand von Gebäuden und Wegen. Für die Logistik ist das entscheidend, weil daraus hervorgeht, welche Zufahrt überhaupt nutzbar ist.
Die Schadenszeichen zerfallen in zwei Gruppen, die unterschiedliche Fragen beantworten. Die Zerstörungsgrade — angeschlagen, teilzerstört, total zerstört — sagen etwas über die Standsicherheit eines Bauwerks und damit darüber, ob es betreten werden darf. Die Befahrbarkeit — schwierig befahrbar, nicht befahrbar, teilblockiert, blockiert — sagt etwas über Wege und damit darüber, ob Kräfte einen Ort überhaupt erreichen.
Die zweite Gruppe wird auf Lagekarten regelmäßig unterschätzt. Bei Sturm-, Hochwasser- und Erdbebenlagen ist nicht der Schaden das Hauptproblem, sondern die Erreichbarkeit. Eine Karte, die zwanzig Schadenstellen zeigt, aber nicht, welche Straßen offen sind, hilft bei der Priorisierung nicht weiter. Die Befahrbarkeitszeichen machen aus einer Schadensübersicht eine Einsatzplanung.
„Angeschlagen" verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Es bezeichnet ein Bauwerk, das noch steht, aber seine Tragreserven verloren hat — die gefährlichste Kategorie, weil sie äußerlich am harmlosesten aussieht. Nachbeben, Erschütterungen durch Räumgerät oder einfach Zeit können den Einsturz auslösen. Wo dieses Zeichen steht, gehört eine Bausachverständige oder ein Baufachberater hinzugezogen, und der Bereich wird abgesperrt.
Die Flächenzeichen für überschwemmtes und ölverschmutztes Gebiet arbeiten anders als alle übrigen: Sie markieren keinen Punkt, sondern werden über eine Fläche gelegt. Ihre Grenze ist eine eigene Information und ändert sich bei laufender Lage ständig. In der Praxis wird deshalb die Zeit dazugeschrieben, zu der die Ausdehnung zuletzt bestätigt wurde.
Andere Länder, andere Zeichen
Wer eine Lagekarte aus Österreich oder der Schweiz vor sich hat, findet dort für dieselben Gefahren teilweise andere Symbole. Beide Länder führen eigene Sätze, die sich am selben Grundgedanken orientieren, im Detail aber abweichen.
Auffällig ist, dass es dort Zeichen gibt, für die der deutsche Satz keine eigene Entsprechung kennt. Verrauchung, Gasgefahr und Ansteckungsgefahr sind eigene Zeichen, in Deutschland behilft man sich mit dem allgemeinen Gefahrenzeichen und einer Beschriftung. Umgekehrt kennt der österreichische Satz Zeichen für Lawinen, Muren und Felssturz, die im deutschen Flachland schlicht nicht gebraucht werden.






Den vollständigen Vergleich mit allen drei Sätzen nebeneinander findest du unter Taktische Zeichen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Betroffene Personen
Auch der Zustand betroffener Personen gehört zur Lage. Eigene Zeichen kennzeichnen verletzte, vermisste, verschüttete und verstorbene Personen. Bei einem Massenanfall von Verletzten wird daraus die Grundlage für die Transportplanung, weil aus der Karte hervorgeht, wie viele Betroffene an welcher Stelle noch auf Versorgung warten.
Die Zeichen bilden eine Abfolge, keine Liste: vermisst, verschüttet, verletzt, gerettet, zu transportieren. Eine Person wandert im Verlauf eines Einsatzes durch diese Zustände, und die Karte muss das nachvollziehen. Genau hier entsteht der häufigste Fehler — der alte Zustand bleibt stehen, der neue kommt dazu, und aus einer Person werden auf dem Papier zwei.
Die Zahlen an diesen Zeichen sind der Grund, warum eine MANV-Karte überhaupt funktioniert. Aus ihnen ergibt sich die Transportplanung: wie viele Betroffene an welcher Stelle noch warten, wie viele bereits im Behandlungsplatz sind, wie viele abtransportiert wurden. Eine ausführliche Darstellung dazu, auch zum Zusammenhang mit den Sichtungskategorien, steht im Beitrag Personen und Betroffene auf der Lagekarte. Den Sichtungsprozess selbst behandelt der Beitrag MANV und Sichtung.
Bei Lagen mit Tieren, etwa einem Stallbrand oder einem Transportunfall, gibt es entsprechende Zeichen ebenfalls. Sie werden in der Praxis selten gebraucht, sind aber genau dann hilfreich, wenn eine Lage sonst schwer darstellbar wäre.
Die neun Gefahren der Einsatzstelle
Der Zeichensatz bildet nicht alle Gefahren ab, die an einer Einsatzstelle auftreten können. In der Ausbildung der Feuerwehr steht dafür eine eigene Systematik, die jede Führungskraft bei der Erkundung im Kopf durchgeht. Sie ist unter der Eselsbrücke AAAA C EEEE bekannt:
- Atemgifte — Brandrauch, austretende Gase, Sauerstoffmangel in Behältern und Schächten
- Angstreaktion — unkontrolliertes Verhalten von Betroffenen, auch von Einsatzkräften
- Ausbreitung — des Feuers, eines Stoffes, des Wassers
- Atomare Strahlung
- Chemische Stoffe
- Erkrankung und Verletzung
- Explosion
- Elektrizität
- Einsturz
Der Zusammenhang zur Lagekarte ist unmittelbar: Für die meisten dieser Punkte gibt es ein Zeichen, für zwei aber nicht. Die Angstreaktion und die Ausbreitung lassen sich nicht als Symbol setzen. Die Ausbreitung wird deshalb über einen Richtungspfeil dargestellt, die Angstreaktion gar nicht — sie bleibt eine Information, die über die Lagemeldung transportiert werden muss.
Wer die Systematik bei der Erkundung durchgeht und anschließend die Karte danach prüft, findet die Lücken zuverlässiger als beim freien Draufschauen. Sie beantwortet außerdem die Frage, ob eine Gefahr für Einsatzkräfte, für Betroffene oder für beide besteht — eine Unterscheidung, die über die Schutzausrüstung und damit über den gesamten Auftrag entscheidet.
Wann wird eine Gefahr gelöscht?
Eine Gefahr verschwindet nicht dadurch, dass niemand mehr über sie spricht. Auf der Karte bleibt sie stehen, bis jemand sie ausdrücklich streicht, und dieser Schritt braucht eine Grundlage.
Bei messbaren Gefahren ist das die Messung. Eine chemische Gefahr wird gestrichen, wenn eine Kontrollmessung unter dem Grenzwert liegt, nicht wenn der Geruch nachlässt. Bei baulichen Gefahren ist es die Beurteilung durch eine fachkundige Person. Beim Feuer ist es die Meldung „Feuer aus", und selbst dann bleibt die Brandstelle bis zur Übergabe an die Brandsicherheitswache in der Lage.
Wer streicht, notiert die Uhrzeit und die Grundlage. Ohne diesen Vermerk lässt sich später nicht rekonstruieren, worauf die Entscheidung beruhte — und das ist genau die Frage, die nach einem Einsatz mit Verletzten als Erstes gestellt wird.
Häufige Fehler
- Gefahr eingetragen, aber nie aktualisiert. Ein Gefahrenzeichen, das nach der Entwarnung stehen bleibt, führt jede ablösende Führungskraft in die Irre.
- Zu früh zu genau. Wer in den ersten Minuten schon eine chemische Gefahr einträgt, obwohl nur ein verdächtiger Geruch gemeldet wurde, erzeugt eine Sicherheit, die es nicht gibt. Dafür ist das Zeichen für die vermutete Gefahr da.
- Schaden statt Gefahr. Beides parallel zu führen wirkt umständlich, macht aber den Unterschied zwischen Vorsorge und Bekämpfung sichtbar.
Mehr dazu steht im Beitrag Fehlerteufel Lagekarte.