Wissen › Maßnahmen
🛠️ MaßnahmenMaßnahmen auf der Lagekarte
Eine Lagekarte, auf der nur Fahrzeuge und Einheiten stehen, zeigt vorhandene Kräfte. Erst die Maßnahmenzeichen sagen, was diese Kräfte gerade tun. Damit wird aus einer Bestandsaufnahme ein Bild vom Fortschritt des Einsatzes.
Maßnahmenzeichen beantworten die Frage, welche Arbeiten an welcher Stelle laufen. Wird hier gerettet, dort gepumpt und weiter hinten beleuchtet? Wer das einträgt, sieht auf einen Blick, welche Aufgaben abgedeckt sind und wo noch nichts passiert. Für die Führung ist das oft die wichtigere Information, weil freie Kräfte ohne Auftrag ein Problem sind, offene Aufgaben ohne Kräfte aber ein größeres.
Retten und Bergen sind zwei verschiedene Dinge
Diese beiden Begriffe werden im Alltag oft synonym verwendet, im Einsatzdienst haben sie eine klar getrennte Bedeutung.
Retten heißt, Menschen aus einer Gefahr für Leib und Leben zu befreien. Es hat immer Vorrang. Bergen heißt, Sachwerte, Tiere oder Verstorbene aus der Gefahrenzone zu holen. Beide Maßnahmen haben eigene Zeichen.
Die Unterscheidung ist auf der Lagekarte nicht kosmetisch. Wer eine laufende Bergung als Rettung einträgt, erzeugt bei jeder ablösenden Führungskraft den Eindruck, dass dort noch Menschenleben in Gefahr sind. Umgekehrt kann eine als Bergung eingetragene Rettung dazu führen, dass Kräfte an anderer Stelle gebunden bleiben. Das gehört zu den Fehlern, die im Beitrag Fehlerteufel Lagekarte beschrieben sind.




Maßnahmen der Brandbekämpfung und technischen Hilfe
Diese Zeichen decken den größten Teil des Feuerwehralltags ab. Sie werden dort eingetragen, wo die Maßnahme wirkt.

Ein Trupp geht gegen das Feuer vor. In Verbindung mit dem Brandzeichen zeigt sich, ob an allen brennenden Stellen auch tatsächlich gearbeitet wird.

Sammelzeichen für alle Arbeiten ohne Feuer, etwa das Befreien eingeklemmter Personen oder das Beseitigen von Hindernissen.

Aufbau und Betrieb der Löschwasserversorgung. Auf einer Lagekarte gehört dazu meist auch die Wasserentnahmestelle.

Arbeiten mit Kran, Hebekissen oder Winde. Wichtig zu wissen, weil in dem Bereich niemand anderes arbeiten darf.

Auspumpen von Kellern, Gruben oder Gewässern. Bei Unwetterlagen das mit Abstand häufigste Maßnahmenzeichen.

Ausleuchten der Einsatzstelle. Klingt nebensächlich, ist bei Nachtlagen aber Voraussetzung für sicheres Arbeiten.

Betrieb von Notstromaggregaten, etwa zur Versorgung einer Einrichtung oder eines Gebäudes.

Messeinsatz bei Gefahrstoff- oder Strahlenlagen. Der Ort des Zeichens sagt, wo gemessen wurde, was für die Bewertung entscheidend ist.
ABC-Einsatz und Dekontamination
Bei Lagen mit gefährlichen Stoffen bilden diese Zeichen die Schutzkette ab. Sie stehen selten allein, sondern gehören meist zu einem Dekon-Platz und einer Absperrgrenze.
Auf der Karte hängt ihre Aussagekraft an der Lage zueinander. Eine Gefahrstofflage wird in drei Bereiche geteilt: den Gefahrenbereich, in dem nur unter Schutz gearbeitet wird, den Absperrbereich, der ihn umschließt, und den freien Bereich dahinter. Jedes Maßnahmenzeichen gehört eindeutig in einen dieser Bereiche. Wer es falsch setzt, verschiebt in der Wahrnehmung aller Beteiligten die Grenze.
Zwei Regeln folgen daraus für die Kartenführung. Erstens muss die Dekontaminationsstelle eingetragen sein, bevor der erste Trupp unter Atemschutz in den Gefahrenbereich geht. Steht sie noch nicht auf der Karte, ist der Rückweg nicht geklärt. Zweitens gehört zu jedem Messzeichen eine Uhrzeit, denn ein Messwert von vor zwanzig Minuten beschreibt bei einer ziehenden Wolke eine andere Lage als der von jetzt.
Die Windrichtung entscheidet über die Anordnung. Dekon-Platz, Bereitstellungsraum und Verletztenablage liegen im Luv, also auf der dem Wind zugewandten Seite. Dreht der Wind, verschiebt sich die gesamte Anordnung, und die Karte muss das nachvollziehen. Das ist einer der wenigen Fälle, in denen mehrere Zeichen gleichzeitig umgesetzt werden müssen.
Die Zeichen dieser Gruppe stehen vollständig auf der Katalogseite Maßnahmen als taktische Zeichen.
Maßnahmen bei Hochwasser und Unwetter
Für Wasserlagen gibt es eigene Zeichen, die bei den Hochwassereinsätzen der letzten Jahre stark an Bedeutung gewonnen haben. Sie zeigen gut, wie kleinteilig sich ein Einsatz abbilden lässt, wenn die Lage über Tage läuft.
Die Trennung zwischen Sandsackbefüllung und Sandsackbau wirkt kleinlich, hat aber einen praktischen Grund. Beide Tätigkeiten finden an unterschiedlichen Orten statt und binden unterschiedlich viele Kräfte. Wer nur ein gemeinsames Zeichen setzt, verliert die Information darüber, wo der Engpass liegt.
Der zweite Unterschied zu einem gewöhnlichen Einsatz ist die Dauer. Eine Hochwasserlage läuft über Tage, und die Karte wird mehrfach an eine neue Schicht übergeben. Damit ändert sich, was ein Maßnahmenzeichen leisten muss: Es genügt nicht mehr zu zeigen, dass an einer Stelle gepumpt wird. Erkennbar sein muss, seit wann, mit welcher Leistung und ob der Wasserstand dort fällt oder steigt.
In der Praxis wird das über Beschriftungen gelöst. Eine Pumpstelle bekommt die Fördermenge, ein Deichabschnitt die Zeit der letzten Kontrolle. Wer eine mehrtägige Lage ohne diese Zusätze führt, hat nach zwei Schichten eine Karte voller Zeichen, aus der niemand mehr den Verlauf ablesen kann.
Eine Entscheidung muss auf der Karte besonders deutlich werden: die zwischen Verteidigen und Aufgeben. Bei großflächigen Lagen reichen die Kräfte nicht überall hin. Wird ein Bereich bewusst aufgegeben, um einen anderen zu halten, gehört das eingetragen. Sonst laufen nachrückende Kräfte in einen Auftrag, den es nicht mehr gibt.
Betreuung, Versorgung und Erkundung
Bei längeren Lagen kommen Maßnahmen hinzu, die weniger mit Technik und mehr mit Menschen zu tun haben. Sie werden gern vergessen, gehören auf einer ordentlich geführten Karte aber genauso dazu.
Diese Maßnahmen haben eine Eigenschaft gemeinsam, die sie auf der Karte leicht untergehen lässt: Sie wirken nicht an der Schadenstelle, sondern abseits davon. Die Verpflegung steht nicht dort, wo gearbeitet wird, die Sammelstelle für Betroffene liegt bewusst außerhalb. Wer nur den Schadensbereich führt, verliert sie aus dem Blick.
Das Erkunden nimmt eine Sonderrolle ein. Es ist die einzige Maßnahme, deren Ergebnis die Karte selbst verändert. Eingetragen wird deshalb nicht nur, dass erkundet wird, sondern welcher Bereich bereits erkundet ist. Erst diese Unterscheidung zeigt, welche Teile des Lagebildes auf Beobachtung beruhen und welche auf Annahme.
Bei Lagen über mehrere Stunden ist die Verpflegung keine Nebensache. Eine Einheit, die seit sechs Stunden arbeitet und nichts bekommen hat, wird langsamer und macht mehr Fehler. Das Verpflegungszeichen auf der Karte ist deshalb auch eine Erinnerung an die Führungskraft.
Zum Orten mit Rettungshunden gehört mehr als ein Maßnahmenzeichen. Wie Flächensuche und Mantrailing sich unterscheiden und wie ein Suchgebiet geführt wird, steht im Beitrag Rettungshunde als taktische Zeichen.
Wenn keine genaue Maßnahme passt
Es gibt ein allgemeines Maßnahmenzeichen für Fälle, in denen die genaue Tätigkeit noch offen ist oder kein passendes Zeichen existiert. Es wird beschriftet und ersetzt damit eine Eigenkreation. Mehr dazu steht im Abschnitt zur Improvisation im Beitrag DV 102: Geschichte, Rechtsgrundlage und Grenzen.
Die Beschriftung ist dabei keine Formalie. Ein unbeschriftetes allgemeines Maßnahmenzeichen sagt nur aus, dass irgendwo irgendetwas getan wird, und ist damit schlechter als gar kein Eintrag: Es beansprucht Platz und Aufmerksamkeit, ohne Information zu liefern. Wer das Zeichen setzt, schreibt die Tätigkeit in zwei, drei Worten daneben.
Wer trägt die Maßnahmen ein?
In der Praxis führt nicht die Einsatzleitung selbst die Karte, sondern eine Kraft der Führungsunterstützung. Die Information kommt über Funk von den Abschnittsleitern, wird in der Lagemeldung erfasst und von dort auf die Karte übertragen. Zwischen dem Beginn einer Maßnahme und ihrem Erscheinen auf der Karte liegen damit regelmäßig einige Minuten.
Diese Verzögerung ist der Grund für eine Gewohnheit, die auf den ersten Blick übertrieben wirkt: Zur Maßnahme gehört die Uhrzeit des Meldungseingangs, nicht die des Eintragens. Sonst entsteht bei der Auswertung ein verschobenes Bild vom Ablauf.
Wer an einer kleinen Einsatzstelle allein führt, macht beides selbst. Auch dann lohnt sich die Trennung im Kopf: erst aufnehmen, dann eintragen. Wer während des Funkgesprächs zeichnet, verpasst den zweiten Teil der Meldung. Wie eine solche Meldung aufgebaut ist, steht im Beitrag Die Lagemeldung.
Wie fein wird eingetragen?
Eine Frage, die in keiner Vorschrift steht und trotzdem über die Brauchbarkeit einer Karte entscheidet: Bekommt jeder Trupp sein eigenes Maßnahmenzeichen, oder steht ein Zeichen für einen ganzen Abschnitt?
Die Antwort hängt an der Führungsstufe. Führt ein Gruppenführer die Lage selbst, ist der Trupp die richtige Auflösung — er hat drei oder vier davon und behält sie im Blick. Führt ein Einsatzleiter mehrere Abschnitte, wird die Karte unlesbar, wenn jeder einzelne Trupp darauf erscheint. Auf dieser Ebene steht ein Maßnahmenzeichen für den Auftrag eines Abschnitts, und die Feinheiten führt der Abschnittsleiter auf seiner eigenen Skizze.
Die Faustregel lautet: ein Zeichen pro Auftrag, den die eigene Führungsebene vergeben hat. Was darunter liegt, gehört eine Ebene tiefer. Mehr zu dieser Staffelung steht im Beitrag Führungsstufen A bis D.
Wenn eine Maßnahme endet
Das Eintragen fällt leicht, das Streichen wird vergessen. Eine Karte, auf der abgeschlossene Maßnahmen stehen bleiben, zeigt nach einigen Stunden mehr Tätigkeit an, als tatsächlich läuft, und bindet in der Wahrnehmung Kräfte, die längst wieder verfügbar sind.
Üblich sind zwei Wege. Auf Papier wird das Zeichen durchgestrichen und mit der Endzeit versehen, nicht radiert — der Verlauf bleibt damit nachvollziehbar. In digitalen Systemen wird die Maßnahme auf erledigt gesetzt, verschwindet aus der aktiven Ansicht und bleibt im Protokoll erhalten.
Beides führt zum selben Ergebnis: Die Karte zeigt den Stand von jetzt, die Dokumentation zeigt den Weg dorthin. Wer nur eines von beidem hat, verliert entweder die Übersicht oder die Nachweisbarkeit.
Warum Maßnahmen auf die Karte gehören
Wenn die laufenden Maßnahmen eingetragen sind, entsteht ein realistisches Bild vom Stand des Einsatzes. Eine ablösende Führungskraft sieht sofort, was veranlasst wurde, und muss nicht alles neu erfragen. Bei Einsätzen, die über eine Schicht hinausgehen, ist das der Punkt, an dem sich eine ordentlich geführte Lagekarte auszahlt.
Der zweite Grund ist die Nachbereitung. Wenn dokumentiert ist, welche Maßnahme wann begonnen hat, lässt sich der Ablauf später rekonstruieren. Das hilft bei der Einsatznachbesprechung und bei allen Fragen, die im Nachgang auftreten.
Quellen und weiterführende Informationen
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK): Taktische Zeichen im Bevölkerungsschutz, bbk.bund.de
- Feuerwehr-Dienstvorschrift 3: Einheiten im Lösch- und Hilfeleistungseinsatz