Wissen › DV 102 und Rechtsgrundlage
📜 HintergrundDV 102: Geschichte, Rechtsgrundlage und Grenzen
Viele kennen taktische Zeichen unter dem Stichwort DV 102 und gehen davon aus, dass es sich um eine gültige Vorschrift handelt. Das stimmt so seit dreißig Jahren nicht mehr. Dieser Beitrag erklärt, wie es dazu kam, was heute tatsächlich gilt und wie man mit den Lücken des Systems umgeht.
Die kurze Antwort
Eine gemeinsame, für alle Organisationen verbindliche DV 102 gibt es seit 1995 nicht mehr. Was heute in der Praxis als Referenz dient, ist die Sammlung Taktische Zeichen im Bevölkerungsschutz des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Daneben führen die einzelnen Organisationen eigene Fassungen, die alle auf demselben Grundgerüst aufbauen. Wer den Begriff DV 102 heute benutzt, meint damit meist die Systematik und nicht ein konkretes gültiges Dokument.
1978: die gemeinsame Vorschrift
1978 wurde die Polizeidienstvorschrift beziehungsweise Dienstvorschrift 102 mit dem Titel „Taktische Zeichen“ eingeführt. Sie löste ältere Regelungen ab und schuf eine gemeinsame Grundlage für Polizei und Katastrophenschutz. 1986 folgte eine überarbeitete Fassung, die den Bereich des Katastrophenschutzes deutlich erweiterte. In dieser Zeit war die DV 102 die verbindliche Klammer über die verschiedenen Bereiche hinweg, und daher rührt die Bekanntheit des Namens bis heute.
1995: der Einschnitt
Am 9. Februar 1995 wurde die gemeinsame Vorschrift außer Kraft gesetzt. Die Polizeidienstvorschrift 102 regelte fortan nur noch die taktischen Zeichen im polizeilichen Bereich. Für die Fachdienste des früheren erweiterten Katastrophenschutzes entstand dadurch eine Lücke, weil ihre Zeichen in keiner gemeinsamen Vorschrift mehr geregelt waren.
Praktische Auswirkungen hatte das zunächst kaum. Feuerwehr, Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk und die übrigen Organisationen hielten sich weitgehend an die bisherigen Festlegungen und führten sie als organisationseigene Fassungen fort. Die gemeinsame Bildsprache blieb dadurch erhalten, auch ohne eine übergreifende Vorschrift. Aus der einen DV 102 wurden mehrere, die einander stark ähneln.
Seit 2012: das System des Bevölkerungsschutzes
Seit Januar 2012 gibt es Empfehlungen für taktische Zeichen im Bevölkerungsschutz, die aus dem Umfeld der Ständigen Konferenz für Katastrophenvorsorge und Katastrophenschutz stammen und heute vom BBK getragen werden. Diese Sammlung bündelt die Zeichen für den nicht polizeilichen Bereich und dient Feuerwehren, Hilfsorganisationen und dem Katastrophenschutz als gemeinsame Grundlage.
Zuständig für die Abstimmung ist der Ausschuss für Feuerwehrangelegenheiten, Katastrophenschutz und zivile Verteidigung, kurz AFKzV, im Arbeitskreis V der Innenministerkonferenz. Er hat eine überarbeitete Fassung der Taktischen Zeichen im Bevölkerungsschutz zur Einführung im Sinne einer FwDV 102 beziehungsweise als organisationsspezifische DV 102 empfohlen und das BBK gebeten, sie zu veröffentlichen.
Was sich in den nächsten Jahren ändern dürfte
Die Richtung ist erkennbar. Es geht um mehr Vereinheitlichung, damit alle Organisationen und möglichst auch die Nachbarländer dieselbe Bildsprache verwenden. Der Leitgedanke ist eine gemeinsame Sprache über alle Führungsebenen hinweg.
Dazu kommt ein Aspekt, der vor einigen Jahren noch keine Rolle spielte. Vor dem Hintergrund der sicherheitspolitischen Lage prüft der AFKzV auch eine Angleichung an die Zentralvorschrift A1-160/0-9200 Militärische Symbole der Bundeswehr. Ziel ist, dass zivile und militärische Kräfte im Bevölkerungsschutz ihre Lagebilder zusammenführen können. Für die Praxis heißt das, dass sich einzelne Zeichen und Festlegungen in den kommenden Jahren noch verändern können.
Wenn ein Zeichen fehlt
Die Einsatzwelt verändert sich schneller, als ein Regelwerk nachziehen kann. Neue Technik kommt hinzu, Aufgaben verschieben sich, und irgendwann steht man vor etwas, für das die Sammlung kein passendes Zeichen kennt. Das ist eine normale Begleiterscheinung, keine Schwäche des Systems.
Besonders bei spezialisierter Technik fehlt manchmal ein eindeutiges Zeichen. Die Vegetations- und Waldbrandbekämpfung hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen, und die dafür beschafften Geräte passen nicht immer in die vorhandenen Kategorien. Ähnliches gilt für neue Sensor- und Kommunikationstechnik.
Umgekehrt zeigt sich, dass das System nachzieht. Für Drohnen gibt es inzwischen Zeichen, obwohl sie im Einsatzalltag vor wenigen Jahren noch selten waren. Was heute fehlt, kann in der nächsten Fassung geregelt sein.


Improvisieren mit System
Vorab eine Klarstellung, weil hier häufig zu früh von einer Lücke gesprochen wird. Nicht alles, wofür es kein Piktogramm gibt, fehlt. Richtungen werden mit Pfeilen dargestellt, Gebiete als umrandete oder schraffierte Flächen, Grenzen und Leitungen als Linien. Das sind vorgesehene Darstellungsmittel und keine Behelfslösungen, siehe den Abschnitt über die Darstellungsmittel. Eine echte Lücke liegt erst vor, wenn sich eine Sache auf keinem dieser Wege abbilden lässt.
Für diese Fälle gilt: Taktische Zeichen sind ein offenes System, und genau das hilft dabei. Statt ein Symbol frei zu erfinden, setzt man aus den vorhandenen Bausteinen etwas Verständliches zusammen. Man nimmt ein passendes Grundzeichen für die Art des Objekts, ergänzt wenn möglich ein Fachsymbol und schreibt die genaue Bezeichnung dazu. Ein Textfeld an der richtigen Stelle sagt oft mehr als ein neues Symbol, das außer dem Zeichner niemand kennt.
Vier Regeln sorgen dafür, dass eine Improvisation im Team trägt.
- Nah an der Systematik aus Grundform, Fachaufgabe und Farbe bleiben, wie im Beitrag Aufbau und Grundformen beschrieben.
- Das Zeichen klar beschriften, damit es auch ohne Vorwissen verständlich ist.
- Die Improvisation in die Legende der Lagekarte aufnehmen.
- Sparsam bleiben. Je weniger Sonderzeichen, desto lesbarer die Karte.
Was das für die Praxis bedeutet
Die Grundlogik der Zeichen ist über alle Änderungen hinweg stabil geblieben. Grundformen, Fachaufgaben und Gliederungsstufen funktionieren weiter wie im Beitrag zum Aufbau beschrieben. Wer die Systematik verstanden hat, kommt mit Anpassungen an einzelnen Zeichen gut zurecht.
Für offizielle Lagekarten und die Ausbildung gilt trotzdem, sich an der jeweils gültigen Fassung der eigenen Organisation und an den Empfehlungen des BBK zu orientieren. Wer eine Aussage belegen muss, sollte die Quelle nennen und nicht pauschal auf „die DV 102“ verweisen.
Quellen und weiterführende Informationen
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK): Taktische Zeichen im Bevölkerungsschutz, bbk.bund.de
- Ausschuss für Feuerwehrangelegenheiten, Katastrophenschutz und zivile Verteidigung (AFKzV), Arbeitskreis V der Innenministerkonferenz
- Bundeswehr: Zentralvorschrift A1-160/0-9200 Militärische Symbole
- Wikipedia: Taktische Zeichen, de.wikipedia.org/wiki/Taktische_Zeichen