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🔄 SachstandDie Neufassung der taktischen Zeichen: Was gilt und was kommt
„Die Zeichen sind doch veraltet." Diesen Satz hört man seit einiger Zeit häufig, und er ist halb richtig. Es gibt eine überarbeitete Fassung, sie ist veröffentlicht, und ihre Einführung wurde wieder ausgesetzt. Dieser Beitrag ordnet ein, was tatsächlich gilt, was sich ändern soll und wie man damit bis auf Weiteres umgeht.
Die kurze Antwort
Verbindliche Grundlage sind weiterhin die Empfehlungen von 2010. Eine überarbeitete Fassung wurde im Februar 2024 vom BBK veröffentlicht und war ab März 2024 zur vorläufigen Anwendung empfohlen. Diese Empfehlung wurde im März 2025 wieder aufgehoben. Ein verbindlicher Nachfolger existiert damit derzeit nicht.
Wer heute eine Lagekarte führt, arbeitet also korrekt mit den bekannten Zeichen. Wer die überarbeitete Fassung kennt, ist im Vorteil, weil einzelne Zeichen sich absehbar ändern werden — aber niemand muss jetzt umlernen.
Wie es dazu kam
Die Entwicklung ist ungewöhnlich verlaufen, und das erklärt einen Teil der Verwirrung.
| Zeitpunkt | Was geschah |
|---|---|
| 1978 | Einführung der DV 102 „Taktische Zeichen" für Polizei und Katastrophenschutz |
| 1986 | Überarbeitete Fassung, Katastrophenschutz deutlich erweitert |
| 1995 | Die gemeinsame verbindliche DV 102 entfällt |
| 2010 | Letzte gemeinsame Empfehlung der SKK — bis heute die Grundlage |
| 2011 | Auflösung der SKK, danach jahrelang keine Fortschreibung |
| ab 2022 | Überarbeitung durch Feuerwehren, Hilfsorganisationen und THW unter Leitung des BBK |
| 12.02.2024 | Überarbeitete Fassung veröffentlicht |
| 11./12.03.2024 | AFKzV, 55. Sitzung Ulm: Empfehlung zur vorläufigen Anwendung |
| 13./14.03.2025 | AFKzV, 57. Sitzung Berlin: dieser Beschluss wird aufgehoben |
Der Grund für die Aufhebung steht im Beschluss selbst: Es soll Anpassungsbedarf mit den obersten Landesbehörden abgestimmt und eine weitergehende Angleichung an die Zentralvorschrift A1-160/0-9200 „Militärische Symbole" der Bundeswehr geprüft werden. Hintergrund ist die sicherheitspolitische Lage. Zivile und militärische Kräfte sollen ihre Lagebilder zusammenführen können, und das geht nur mit kompatibler Symbolik. Woran das im Detail hakt, beschreibt der Beitrag Militärische Symbole und zivile Zeichen.
Für die Praxis heißt das: Die Neufassung ist inhaltlich fertig, aber politisch noch nicht durch. Es ist wahrscheinlich, dass sie in überarbeiteter Form wiederkommt — und dass sich dabei einzelne Festlegungen nochmals ändern.
Was sich ändern soll
Die Grundsystematik bleibt erhalten. Wer die Bausteine kennt, muss nichts neu lernen. Geändert werden einzelne Zeichen, die Farbregeln und einige Konventionen, die sich über die Jahre widersprüchlich entwickelt hatten.
Die Korrektur bei „Maßnahme" und „Gefahr"
Das ist die folgenreichste Änderung, weil sie zwei Grundzeichen betrifft, die auf fast jeder Lagekarte vorkommen. Beide wurden bisher genau andersherum verwendet, als man es von Verkehrszeichen kennt: Dort steht das auf der Spitze stehende Dreieck — das Warndreieck — für die Gefahr. In den taktischen Zeichen war die Zuordnung umgekehrt.
Die Überarbeitung dreht das um und folgt damit der Alltagsgewohnheit. Das BBK nennt es eine „späte Korrektur" im Sinne einer intuitiveren Verwendung. Praktisch bedeutet es: Wer nach der Umstellung eine ältere Lagekarte liest, muss wissen, nach welcher Fassung sie gezeichnet wurde. Hier lohnt es sich, den Stand auf der Karte zu vermerken.
Drei neue Grundzeichen
- Luftfahrzeug. Bisher gab es keine einheitliche Grundform. Neu ist ein gemeinsames Grundzeichen, das sich spezifizieren lässt — bemannt oder unbemannt, nach Aufgabe, nach Betreiber. Das löst ein Problem, das mit der Verbreitung von Drohnen dringend geworden ist.
- Raum / Behälter. Ein eigenes Element für abgeschlossene Räume und Behälter. Es füllt eine Lücke, die bei Gefahrstofflagen, Tankanlagen und Silos immer wieder auffiel.
- Spontanhelfende. Erstmals ein eigenes Zeichen für ungebundene Helferinnen und Helfer. Nach den Hochwasserlagen der vergangenen Jahre eine überfällige Ergänzung: Wer hunderte Freiwillige im Einsatzraum hat, muss sie auf der Karte führen können.
Führung oben, Logistik unten
Die Ergänzungseigenschaften werden stringenter angewendet. Einheiten mit Schwerpunkt Einsatzführung bekommen einen schwarzen Balken im oberen Bereich des Grundzeichens, Einheiten der Logistik und Versorgung einen schwarzen Balken im unteren Bereich — sinnbildlich als Fundament. Das ist eine Lesehilfe, die ohne Vorwissen funktioniert.
Angeglichen wurden außerdem die Zeichen für Fahrräder und Krafträder, und das Zeichen für temporär ortsfeste Strukturen wurde geschärft: Es bezeichnet nun Stellen und Einrichtungen „mit festem Dach", also solche, die im Betrieb nicht spontan ortsveränderlich sind.
Die Farben werden zum System
Die Farbgebung war bisher der Teil, über den am meisten gestritten wurde. Die Neufassung trennt sauber zwischen zwei Ebenen. Erstens die Farbe der Organisation:
| Farbe | Organisation |
|---|---|
| Rot | Feuerwehren, öffentlich und privat |
| Weiß | Hilfsorganisationen und medizinische Leistungserbringer (DRK, ASB, MHD, JUH, DLRG u. a.) |
| Blau | Technisches Hilfswerk |
| Gelb | Führung und Leitung — Stellen im direkten Unterstellungsverhältnis |
| Grün | Polizeibehörden, Bundespolizei, Kriminalämter, Zoll |
| Braun | Bundeswehr und andere militärische Kräfte |
| Orange | Sonstige Gefahrenabwehr — Regieeinheiten, Behörden, beauftragte Dritte |
| Grau | Zivile und ungebundene Kräfte, Privatfirmen, Spontanhelfer |
Zweitens die Farbe in der Lagedarstellung, also beim Zeichnen der Karte selbst. Grundsätzlich wird die eigene Lage in Blau oder Schwarz dargestellt. Werden mehrere Farben eingesetzt, gilt:
| Farbe | Bedeutung | Anwendung |
|---|---|---|
| Blau | eigene Lage | eigene Kräfte, Mittel und Maßnahmen; gestrichelt für die mögliche Entwicklung |
| Rot | Schadenslage | Schäden, Gefahren, Gefahrenbereiche |
| Schwarz | Grenzen und Dritte | Abschnittsgrenzen, Führungslinien, Maßnahmen nicht unterstellter Kräfte |
| Grün | Sicherheit | sichere Bereiche und Zuwege — neu aufgenommen |
Besonders die Farbe Grün ist ein praktischer Zugewinn. Bei einem Vegetationsbrand lassen sich damit sichere Zuwege und vom Feuerverlauf nicht bedrohte Bereiche kennzeichnen — eine Information, die bisher nur umständlich darstellbar war und die über die Sicherheit der eingesetzten Kräfte mitentscheidet.
Neue Fachbereiche
Ergänzt wurden Zeichen für Fachaufgaben, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben und im Bestand von 2010 fehlten:
- Vegetationsbrandbekämpfung — nach den Waldbrandjahren der vergangenen Zeit ein eigener Fachbereich mit eigener Technik
- Veterinärwesen — Tierseuchenlagen, Großtierrettung, Tiertransportunfälle
- Wettergefahren — Sturm, Starkregen, Hitze, Schnee als eigenständig darstellbare Gefahren
- Besondere Bauwerksschäden — feiner abgestufte Schadensbilder
- Versorgung und Logistik — teils neu, teils wiederentdeckt aus älteren Fassungen
Aus fünf Schritten werden sechs
Wer auf dieser Seite den Beitrag Wie taktische Zeichen aufgebaut sind gelesen hat, kennt das Baukastenprinzip. Die Neufassung beschreibt es in sechs Schritten statt in fünf:
- Grundzeichen wählen — Formation, Stelle oder Platz, Person, Fahrzeug
- Träger oder Organisation festlegen — daraus folgt die Farbe
- Besondere Grundeigenschaften kennzeichnen — etwa unbemannt, Zweirad, festes Dach
- Einsatztaktische Fähigkeiten symbolisieren — die Fachaufgabe im Zeichen
- Zusatzzeichen ergänzen — Verwaltungsstufe, Größenordnung, Funktion und Zweck
- Erweiterte Angaben innerhalb und außerhalb des Zeichens — Stärke, Zeit, Beweglichkeit, Bewegungsrichtung, Herkunft
Der sechste Schritt ist die eigentliche Neuerung. Er fasst zusammen, was vorher verstreut geregelt war, und erklärt insbesondere die taktische Zeitangabe genauer — wichtig geworden durch die zivil-militärische Zusammenarbeit und durch europäische Unterstützung bei Katastrophenlagen, wo Zeitangaben eindeutig sein müssen.
Was heißt das für die Praxis?
Drei Empfehlungen, die unabhängig vom weiteren Verlauf tragen.
Erstens: Weiter mit dem arbeiten, was die eigene Organisation vorgibt. Solange kein neuer Beschluss vorliegt, ist die bisherige Fassung die richtige. Wer eigenmächtig umstellt, erzeugt genau die Missverständnisse, die taktische Zeichen verhindern sollen.
Zweitens: Auf Lagekarten den Stand vermerken. Ein kleiner Hinweis in der Legende, nach welcher Fassung gezeichnet wurde, kostet nichts und beantwortet später eine Frage, die sonst niemand mehr klären kann. Das gilt besonders für Ausbildungsmaterial, das über Jahre verwendet wird.
Drittens: Die Neuerungen kennen, ohne sie anzuwenden. Wer weiß, dass Maßnahme und Gefahr getauscht werden, liest künftig beide Fassungen richtig. Wer das Zeichen für Spontanhelfende kennt, kann es beschriftet behelfsmäßig einsetzen, wenn die Lage es verlangt — das offene System erlaubt genau das. Mehr dazu im Beitrag DV 102: Geschichte, Rechtsgrundlage und Grenzen.
Woher die Angaben stammen
Die Darstellung auf dieser Seite beruht auf der vom BBK veröffentlichten Fachinformation und den zugehörigen begleitenden Hinweisen vom 12. Februar 2024 sowie auf den Beschlüssen des AFKzV. Die Grafikdateien der überarbeiteten Fassung stellt das BBK über den freien Bereich der Lernplattform der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung bereit.
Quellen und weiterführende Informationen
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK): Fachinformation „Taktische Zeichen im Bevölkerungsschutz – Empfehlungen zur Einführung einer FwDV 102/DV 102", bbk.bund.de
- BBK: Begleitende Hinweise zur überarbeiteten Auflage, 12. Februar 2024
- Ausschuss für Feuerwehrangelegenheiten, Katastrophenschutz und zivile Verteidigung (AFKzV), Beschlüsse der 55. und 57. Sitzung
- Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung (BABZ): Lernplattform, freier Bereich, lernplattform-babz-bund.de
- Bundeswehr: Zentralvorschrift A1-160/0-9200 „Militärische Symbole"
- Ständige Konferenz für Katastrophenvorsorge und Bevölkerungsschutz (SKK), AG 4 „Harmonisierung": Empfehlung 2010