Wissen › Führungsvorgang
🔁 FührungDer Führungsvorgang
Führung im Einsatz folgt einem festen Ablauf. Er heißt Führungsvorgang, besteht aus wenigen Schritten und wiederholt sich, solange der Einsatz läuft. Wer ihn verstanden hat, weiß in jeder Lage, was als Nächstes zu tun ist.
Der Führungsvorgang ist der Kern der Feuerwehr-Dienstvorschrift 100 und gilt sinngemäß für alle Organisationen der Gefahrenabwehr. Er beschreibt keine Checkliste, die man einmal abarbeitet, sondern einen Kreislauf. Das ist der wichtigste Punkt überhaupt und der, den Lehrgangsteilnehmer am häufigsten übersehen.
Die drei Schritte und die Kontrolle
Der Vorgang besteht aus drei aufeinanderfolgenden Schritten, an die sich die Kontrolle anschließt. Die Kontrolle führt zurück zum Anfang, und damit beginnt der Kreislauf von vorn.
- Lagefeststellung. Was ist passiert, was ist gefährdet, was habe ich zur Verfügung?
- Planung. Welche Möglichkeiten habe ich, welche wähle ich, und warum?
- Befehlsgebung. Wer macht was, womit, wo und wie?
- Kontrolle. Wirkt es? Und was hat sich seitdem geändert?
Die Kontrolle ist keine vierte Station am Ende, sondern der Übergang zurück in die Lagefeststellung. Sobald eine Rückmeldung eintrifft, beginnt der Vorgang erneut, meist ohne dass man es bewusst merkt.
Schritt 1: Lagefeststellung
Die Lagefeststellung setzt sich aus zwei Teilen zusammen, der Erkundung und der laufenden Kontrolle. Zu Einsatzbeginn dominiert die Erkundung, später die Kontrolle.
Erkundet wird nicht wahllos, sondern entlang fester Fragen. Was ist geschehen und in welchem Umfang? Welche Menschen, Tiere, Sachwerte und welche Umwelt sind betroffen? Welche Gefahren bestehen und welche drohen? Welche eigenen Kräfte sind vor Ort, welche kommen nach?
Genau an dieser Stelle beginnt die Lagekarte. Was erkundet wurde, wird eingetragen, und zwar mit den taktischen Zeichen. Der Zusammenhang ist enger, als es zunächst wirkt: Eine Lagefeststellung, die nur im Kopf der Führungskraft existiert, ist bei der ersten Ablösung verloren.




Schritt 2: Planung
Die Planung besteht aus der Beurteilung der Lage und dem Entschluss. Die Beurteilung wiegt ab, der Entschluss entscheidet.
Bei der Beurteilung geht es um mehrere Fragen zugleich. Welche Gefahren wirken auf wen? Wie wird sich die Lage entwickeln, wenn nichts geschieht? Welche Möglichkeiten habe ich mit den Kräften, die ich habe? Und was passiert, wenn ich mich für eine davon entscheide?
Der Entschluss ist die Antwort darauf, und er sollte in einem Satz formulierbar sein. Wenn das nicht gelingt, ist die Beurteilung meist noch nicht abgeschlossen.
Ein verbreiteter Denkfehler ist, die Planung als etwas Langwieriges zu verstehen. Bei einem Zimmerbrand dauert sie wenige Sekunden und läuft weitgehend automatisiert ab, weil das Muster bekannt ist. Aufwendig wird sie erst, wenn die Lage vom Gewohnten abweicht, und genau dann zahlt es sich aus, den Ablauf bewusst zu beherrschen.
Schritt 3: Befehlsgebung
Aus dem Entschluss werden Aufträge. Die Befehlsgebung folgt einem festen Schema, damit die empfangende Einheit alles hat, was sie braucht, und nichts durcheinandergerät.
Der Aufbau eines Einsatzbefehls und die Frage, warum die Reihenfolge der Bestandteile nicht beliebig ist, steht ausführlich im Beitrag Das Befehlsschema.
Schritt 4: Kontrolle und zurück zum Anfang
Kontrolle beantwortet zwei Fragen. Erstens: Wird der Auftrag ausgeführt und wirkt er? Zweitens: Hat sich die Lage seit der Befehlsgebung verändert?
Die zweite Frage wird häufiger vergessen als die erste. Ein Auftrag kann tadellos ausgeführt werden und trotzdem falsch sein, weil sich zwischenzeitlich etwas Grundlegendes geändert hat. Deshalb führt die Kontrolle zurück in die Lagefeststellung und nicht direkt in die Befehlsgebung.
Das Werkzeug für diesen Schritt ist die Rückmeldung. Wie sie aufgebaut ist und was hineingehört, steht im Beitrag Lagemeldung und Rückmeldung.
Der Vorgang an einem Beispiel
Eine Wohnung im zweiten Obergeschoss brennt, Rauch dringt ins Treppenhaus, eine Bewohnerin wird vermisst. Der Gruppenführer trifft als Erster ein.
Erster Durchlauf
Lagefeststellung: Rauch aus zwei Fenstern im zweiten Obergeschoss, Treppenraum verraucht, eine Person vermisst, eine Gruppe vor Ort, ein weiterer Zug im Anmarsch.
Planung: Menschenrettung geht vor. Der Weg über das Treppenhaus ist unter Atemschutz möglich, parallel wird die Drehleiter als zweiter Rettungsweg vorbereitet. Entschluss: Menschenrettung über den Treppenraum, gleichzeitig Brandbekämpfung, um den Rettungsweg zu halten.
Befehlsgebung: Angriffstrupp unter Atemschutz zur Menschenrettung ins zweite Obergeschoss, Wassertrupp zur Sicherung des Treppenraums, Maschinist stellt die Wasserversorgung her.
Kontrolle: Rückmeldung nach vier Minuten. Person gefunden und gerettet, Brand im Wohnzimmer, Ausbreitung auf die Küche.
Zweiter Durchlauf
Mit der Rückmeldung beginnt der Vorgang von vorn. Die Lage hat sich verändert: Die Menschenrettung ist abgeschlossen, dafür ist der Brand größer als angenommen. Neue Beurteilung, neuer Entschluss, neue Befehle. Der eingetroffene Zug wird jetzt für die Riegelstellung zur Nachbarwohnung eingesetzt.
Auf der Lagekarte spiegelt sich das direkt wider. Das Zeichen für die vermisste Person wird zur geretteten Person, das Brandzeichen wird angepasst, die neuen Kräfte kommen hinzu. Wer die Karte über mehrere Durchläufe hinweg führt, sieht am Ende die gesamte Einsatzentwicklung.
Warum der Kreislauf so wichtig ist
Drei typische Fehler lassen sich unmittelbar auf einen unterbrochenen Führungsvorgang zurückführen.
- Befehl ohne Lagefeststellung. Wer sofort Aufträge verteilt, weil die Lage vertraut aussieht, übersieht die Abweichung, die diesen Einsatz vom letzten unterscheidet.
- Planung ohne Entschluss. Wenn mehrere Möglichkeiten nebeneinander weiterverfolgt werden, verteilen sich die Kräfte, und keine Maßnahme wird konsequent durchgezogen.
- Befehl ohne Kontrolle. Ein Auftrag, dessen Ausführung niemand nachhält, bindet Kräfte auf unbestimmte Zeit. Bei langen Lagen ist das der häufigste Grund für scheinbar verschwundene Einheiten.
Der Zusammenhang mit der Lagekarte
Der Führungsvorgang und die Lagekarte gehören zusammen. Die Karte ist das Gedächtnis der Lagefeststellung, sie macht die Beurteilung überhaupt erst möglich, und sie hält fest, welche Befehle bereits erteilt wurden.
Bei kurzen Einsätzen ersetzt der Kopf die Karte. Sobald ein Einsatz länger dauert als eine Schicht oder mehr Kräfte umfasst, als eine Person überblicken kann, funktioniert der Vorgang ohne Karte nicht mehr zuverlässig. Wie man sie führt, steht im Beitrag Eine Lagekarte führen.
Quellen und weiterführende Informationen
- Feuerwehr-Dienstvorschrift 100: Führung und Leitung im Einsatz
- Feuerwehr-Dienstvorschrift 3: Einheiten im Lösch- und Hilfeleistungseinsatz
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), bbk.bund.de